Hoam




Heimatschrift für die Böhmerwäldler
Mitteilungsblatt des Deutschen Böhmerwaldbundes

   

Hoam Titel April Mai 2017 klein

 

 

 

 

 

 

 

Liebe "Hoam!"-Leser,

 

immer wenn Ostern besonders bald im März oder besonders spät im April gefeiert wird, kommt die Frage auf: Wieso ist das so – und woher kommt es, dass die Ostertage – anders als Weihnachten – jedes Jahr auf einen anderen Termin fallen? Für die Antwort auf diese Frage müssen wir im Grunde weit in die Kirchengeschichte zurückblicken, in die Zeit, als das Osterdatum festgelegt wurde. Denn es gibt eine biblische Grundlage dafür: Gemäß der Überlieferung im Neuen Testament ereignete sich die Auferstehung Christi in den Tagen des jüdischen Pessach- oder Passahfestes. Dieses wiederum fällt in den jüdischen Frühlingsmonat und beginnt mit dem Vorabend des 15. Nisan, wobei der Beginn des Monats Nisan im Verhältnis zu dem bei uns üblichen gregorianischen Kalender schwankt – was wiederum damit zusammenhängt, dass unser Kalender auf den Lauf der Erde um die Sonne gestützt ist, also auf das Sonnenjahr, während der jüdische Kalender an die Mondphasen angelehnt ist, die ein etwas kürzeres Jahr ergeben als das Sonnenjahr, was dann aber durch Schaltjahre wieder ausgeglichen wird.

Für das Christentum hat schließlich das Konzil von Nicäa im Jahr 325 den Ostertermin auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling festgelegt. Nach verschiedenen Korrekturen und Neuberechnungen sowie nach Einführung des gregorianischen anstelle des zu römischen Zeiten üblichen julianischen Kalenders ergaben sich der 22. März als frühest und der 25. April als spätest möglicher Termin. Mitte April, so wie in diesem Jahr, ist also schon ein relativ später Zeitpunkt.

Doch dies alles gilt nur für die sogenannte Westkirche. Die Ostkirche praktiziert abweichende Regelungen, wie wir es etwa bei den Osterfeiern der griechischen Gemeinden in Deutschland sehen, die meist an anderen Tagen begangen werden als die katholischen und evangelischen. Die Gründe liegen darin, dass die orthodoxen Christen den gregorianischen Kalender und andere Reformen nicht übernommen, sondern am julianischen Kalender festgehalten haben. Bestrebungen, die unterschiedlichen Termine zusammenzuführen, damit alle Christen das Osterfest gemeinsam feiern können, sind bislang gescheitert. Papst Franziskus hat allerdings einen neuen Vorstoß unternommen: Er hat sich für einen festen gemeinsamen Termin ausgesprochen, etwa am zweiten Sonntag im April.

Die Frage des richtigen Ostertermins ist eine dieser Fragen, die einst die Kirchenväter tief bewegt haben und über die sich Theologen bis heute Gedanken machen. Sie ist zugleich auch ein Beispiel dafür, wie schwer es ist, Dinge, die einmal auseinandergelaufen sind, wieder zusammenzubringen, dass es aber nie zu spät dafür ist und dass man die Hoffnung nicht aufgeben sollte. Oder, wie Adalbert Stifter es formuliert hat: „Denn darin besteht das Leben der Welt, daß ein Streben und Erringen und darum ein Wandel ist.“ – Allen „Hoam!“-Lesern wünsche ich frohe Ostern!

 

 

April 2017

 

 

 

 

Interview mit Birgit Kern, der neuen Vorsitzenden des Deutschen Böhmerwaldbundes

 

Birgit Kern ist bei der Bundesversammlung am 23. Oktober in Aalen zur Nachfolgerin von Ingo Hans an die Spitze des Deutschen Böhmerwaldbundes gewählt worden. Im exklusiven „Hoam!“-Interview stellt sich die neue Bundesvorsitzende vor.

Herzlichen Glückwunsch, Birgit! Du bist in Aalen einstimmig zur neuen Bundesvorsitzenden gewählt worden. Wie hast du diesen Moment erlebt?

Ich war überwältigt. Ich hatte keine Zweifel, dass ich gewählt werden würde. Aber ich habe doch mit der einen oder anderen Nein-Stimme gerechnet. Dieses Ergebnis hat mich sehr berührt. Und es macht mir noch bewusster, wie wichtig es ist, mit der Verantwortung, die in meine Hände gelegt wurde, sorgfältig umzugehen. Und ich hoffe von Herzen, dass ich dem Vertrauen in mich gerecht werden kann.

Du gehörst einer Generation an, die nach der Vertreibung geboren wurde. Welche Herausforderungen bringt das für dich mit?

Die Erlebnisgeneration wird immer kleiner. Deswegen sehe ich meine Aufgabe darin, mit Sorge zu tragen, dass dieser Teil der Geschichte nicht verloren geht. Das Unrecht einer Vertreibung darf nicht zu einer Selbstverständlichkeit werden. Wie aktuell dieses Thema ist, sehen wir gerade jetzt.
Aber auch den Erhalt unseres Kulturgutes sehe ich als wichtige Aufgabe. Die Menschen, die diese Arbeit mittragen und unterstützen, werden weniger. Umso wichtiger wird es sein, Menschen für diese Arbeit, für diese Geschichte zu interessieren. Vielleicht finden wir neue Zugänge, neue Themen, über die jüngere Menschen zu uns finden.

Von elterlicher Seite bist du früh mit dem Böhmerwald in Berührung gekommen. In welcher Weise hast du diese Begegnung wahrgenommen?

In Form einer mit Stroh gefüllten, kratzigen Matratze in einem Bettkasten eines Hotels in Salnau. Und der Suche nach vertrauten Gegenständen im zerstörten Elternhaus meines Großvaters. Ich kann nicht einmal sagen, wie alt ich damals war, aber diese zwei Bilder tauchen in meiner Erinnerung auf.
Nachhaltiger war das Jakobitreffen 1974. Dort durfte ich Franz Haberda beim Würstchenverkauf am Webinger-Haus helfen. Das Ergebnis dieser Tage war die Entscheidung, ins Winterlager zu gehen. Seitdem hänge ich am Haken.

In jungen Jahren warst du in den Reihen
der Böhmerwaldjugend aktiv. Was hat dich dabei besonders geprägt?  

Das gemeinsame Miteinander, die Freundschaften, die sich entwickelt haben. Die Freude am Singen und Tanzen. Durch die Auftritte etwas zu erleben. Mir Aufgaben zuzutrauen und daraus Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Was bedeutet Heimat für dich?

Das ist eine schwierige Frage. Ich bin in Stuttgart geboren, lebe seit bald 30 Jahren in Schwäbisch Hall. Mein Vater kommt aus dem Böhmerwald, meine Mutter ist in Bessarabien geboren, in Polen und Thüringen aufgewachsen. Ist Heimat da, wo die Eltern herkommen? Da müsste ich mich schon zweiteilen. Ist Heimat da, wo ich geboren bin? Wir haben letztes Jahr die Wohnung in Stuttgart aufgelöst, in der 60 Jahre lang Mitglieder der Familie Kern gewohnt haben. Das war nicht einfach, und ich habe einen Verlust, eine Traurigkeit  gespürt, dass da etwas nicht mehr ist, was 60 Jahre lang mit meiner Familie zu tun hatte.
Für mich sind die Herkunftsgeschichten  meiner Eltern wichtig, denn darin fühle ich mich verwurzelt. Sie haben meine Eltern geprägt, und sie haben mich geprägt. Meine Eltern haben mir Heimat gegeben, ein Zuhause.
Heute ist mein Zuhause in Schwäbisch Hall, und da bin ich heimisch geworden. Allerdings habe ich ein wohliges Gefühl, wenn ich nach Lackenhäuser fahre und weiß, dass in dieser Gegend schon viele Kerns gelebt haben. Ich habe leider keinen Vergleich mit dem Ort, in dem meine Mutter geboren wurde und ihre Familie gelebt hat, denn ich war noch nicht im heutigen Moldawien, um mir dies alles anzuschauen.

Im Deutschen Böhmerwaldbund hast du bald tragende Aufgaben übernommen und bist auch ziemlich herumgekommen. Inwiefern hilft das beim Einstieg in die neue Führungsaufgabe?

Ich kenne die Strukturen des Verbandes, ich kenne viele Menschen im Verband. Ich weiß um viele Abläufe, bin seit vielen Jahren in die Organisation der Bundestreffen eingebunden. Ich hatte das Glück, über einige Jahre für Adolf Hasenöhrl arbeiten zu können. Dies hat mich geprägt und mir Einblick in Abläufe des Deutschen Böhmerwaldbundes gegeben, die mir heute sicher noch sehr hilfreich sind. Ich kann sagen, ich habe mich hochgearbeitet. Von der Verwaltung der Kasse der Landes- und Bundesjugend zur Schriftführerin beim Landesverband Baden-Württemberg und dem Bundesverband, seit einigen Jahren zusätzlich als Gruppenbetreuerin im Landesverband. Bei den Bundestreffen bin ich seit 1975 im Festbüro zu finden. Und die vielen Kontakte zu den Menschen und Institutionen, die in diesen Jahren entstanden sind, werden mir in den nächsten Jahren sicher sehr hilfreich sein.

Du bist die erste Frau im Amt des Bundesvorsitzenden. Hat das für dich eine besondere Bedeutung?

Wenn es darum geht, dass Frauen noch immer zu wenig in leitenden Positionen zu finden sind, dann hat es für mich eine große Bedeutung. Wenn es ein Signal sein kann, dass sich in unserem Verband mehr Frauen für eine führende Funktion entscheiden können, hat es Bedeutung.  Wir wissen, dass viele Gruppen sehr aktive Frauen haben, die im Hintergrund umfangreiche Zuarbeit leisten. Wir wissen, dass die Suche nach Gruppenvorsitzenden immer schwieriger wird. Wenn meine Entscheidung, Bundesvorsitzende zu werden, den Frauen Mut machen kann, sich zu trauen, würde mich das sehr freuen. Bei meiner Entscheidung zu kandidieren hat es für mich keine Rolle gespielt, ob ich als Frau das kann. Es waren vielmehr die gleichen Überlegungen wie die von all den anderen, die gefragt worden sind – schaffe ich den Arbeits- und Zeitumfang, der mit diesem „Job“ verbunden ist neben meiner Berufstätigkeit, der Familie und anderen Ehrenämtern.

Der Mitgliederschwund war schon für deinen Vorgänger Ingo Hans ein bewegendes Thema. Wie kann ein Verband von Heimatvertriebenen mit dieser Entwicklung klarkommen?

Wir werden immer weniger werden. Das ist eine Tatsache. Die Erlebnisgeneration wird es so nicht mehr geben. Für mich ist es die Herausforderung, wie sich der Verband für die kommenden Jahre aufstellen kann. Wir haben unsere Kultur. Die Lieder, die Tänze, unser Brauchtum. Das ist die lebendige Seite. Diese können wir den Augen, Ohren, dem Geschmack sehr praktisch anbieten. Wie wir unsere Geschichte lebendig und interessant den jüngeren Menschen, den Nachkommen,  anbieten können, das wird die große Aufgabe sein. Ich stiebitze mal ein Zitat, das sich die Seliger-Gemeinde vor einigen Jahren zum Motto gemacht hat – „…damit wir nicht aus den Geschichtsbüchern verschwinden“. Das sagt für mich viel aus, worum es allen Vertriebenenverbänden gehen sollte. Mit weniger Menschen dennoch eine wichtige Aufgabe und Inhalte zu haben und somit eine Legitimation diesen Verband zu erhalten.

In seinem organisatorischen Aufbau hat sich der Deutsche Böhmerwaldbund neue Strukturen gegeben. Was bedeutet dies für die einzelnen Mitglieder und die Gruppen vor Ort?

Veränderung von Gewohnheit. Wir spüren die Unsicherheit, die aus den Gruppen kommt, weil sie nicht wissen, ob es Auswirkungen auf ihre eigenen Abläufe hat. Wir können nur um Geduld und Vertrauen bitten. Wie genau sich Veränderungen in einzelnen Abläufen ergeben beziehungsweise wie sie sich bemerkbar machen, können wir heute selber noch nicht sagen. Für uns ist das auch alles neu. Wir gehen davon aus, dass sich für die Gruppen wenig verändert. Die Ansprechpersonen bleiben großteils die gleichen. Es sind zum Beispiel nicht mehr die Landesvorsitzenden, sondern nun die stellvertretenden Bundesvorsitzenden.  Die Landesveranstaltungen wie das Landestreffen in Baden-Württemberg oder die Stifterfeier in München wird es weiter geben. Ob wir zum Beispiel statt der bisherigen Landesversammlungen themenbezogene Arbeitstreffen machen, werden wir noch diskutieren. Viel bleibt, wie es war, aber ich sehe Chancen, auch neue Dinge anzustoßen. Wichtig ist, dass wir diese Veränderungen vorgenommen haben, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein.

Welche Arbeitsschwerpunkte hast du dir für die nächste Zeit gesetzt?

Den Übergang von Ingo Hans zu mir gut zu gestalten. Das geht nicht von heute auf morgen. Dazu brauchen wir Zeit. Die neue Struktur des Verbandes zusammen mit dem neuen Vorstand umzusetzen und die Gruppen über die aktuellen Vorgänge und Veränderungen zu informieren. Mich den Heimatgruppen persönlich als neue Vorsitzende vorzustellen. Und das Bundestreffen 2017.

 

 

 

 

Interview mit dem früheren Bundesvorsitzenden des Deutschen Böhmerwaldbundes (erschienen in der Ausgabe Oktober/November 2016)

 

 

Ingo Hans, der Bundesvorsitzende des Deutschen Böhmerwaldbundes, legt sein Amt in jüngere Hände. Der Wechsel soll bei einer Bundesversammlung am Sonntag, 23. Oktober in Aalen erfolgen, in der auch über eine neue Satzung und eine neue Struktur des Böhmerwaldbundes entschieden werden soll. Im Interview zieht Ingo Hans eine Bilanz über seine 28-jährige Tätigkeit an der Spitze.

Ingo, du hast dem Deutschen Böhmerwaldbund in den vergangenen drei Jahrzehnten deinen Stempel aufgedrückt. Hat dir die Arbeit als Vorsitzender mehr Mühe oder mehr Freude bereitet?

Geprägt durch mein Elternhaus, war ich von Kindheit an mit den Aufgaben und Anliegen des Deutschen Böhmerwaldbundes (DBB) vertraut. Mit der Übernahme des Bundesvorsitzes, in Nachfolge von Adolf Hasenöhrl, musste ich Schuhe anziehen, die mir zunächst einiges zu groß erschienen. Mit den Jahren bin ich hineingewachsen. Die Führung eines Verbandes bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und viel Arbeit und Mühe darauf zu verwenden, ihn in angemessener Form zu erhalten und ihn auch in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Besonders die Organisation der großen Veranstaltungen wäre ohne ein gut eingespieltes Team gar nicht möglich gewesen. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Bundesvorstand, die Begegnung mit den Menschen in den Heimatgruppen und vor allem mit den jungen Leuten machte Freude und ließ den Ärger, der auch manchmal aufkam, weitgehend vergessen. Die Patenschaft mit Passau musste gepflegt werden, denn sie ist kein Selbstläufer. Aber auch hierbei konnte ich mich über das gute Gelingen freuen. Zu der Frage kann ich abschließend sagen, dass zeitweise die Waagschale mit der Mühe und Arbeit schwerer wog, dann aber von der mit der Freude wieder ausgeglichen wurde und öfters auch überwog. In den vergangenen Jahren wurde jedoch meine Sorge um den Fortbestand des DBB immer drängender, und ich hoffe, dass der Verband mit seiner zukunftsorientierten Neugestaltung einen guten Weg geht.

Nach Josef Taschek (1884 bis 1938) und Adolf Hasenöhrl (1958 bis 1988) warst du erst der dritte Vorsitzende, den der Bund hatte. Wie haben sich die Aufgabenstellungen verändert?

Der DBB wurde 1884 zum Schutz der Heimat gegen die Tschechisierung gegründet. Er wirkte sich auf die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Böhmerwaldes nachhaltig aus und förderte ein lebendiges Gemeinschaftsleben. Als nach der Vertreibung die Menschen aus dem Böhmerwald über ganz Deutschland, Österreich, zum Teil auch in Europa und Übersee verstreut waren, erkannten einige Männer aus dem Böhmerwald, dass es notwendig war, den Ortsgruppen, die bereits durch die Suche nach der vertrauten Gemeinschaft entstanden waren, ein Dach zu geben, den DBB neu entstehen zu lassen. Seine heimatpolitische Zielsetzung war die gleiche wie die des Verbandes, der 1884 in Budweis gegründet worden war: Die Heimat ist das Recht der Böhmerwäldler, Heimatrecht und Selbstbestimmungsrecht für alle Völker und Volksgruppen. Daneben waren es vor allem die humanitären, sozialen und kulturellen Aufgaben, die der Verband meistern musste. Als ich den DBB übernahm, stand die Gliederung des Verbandes auf einem festen Fundament und war gut organisiert. In den Landes-, Heimat-, Jugend- und Kindergruppen sowie den Spielscharen lebte die Gemeinschaft. Von der Pflege des heimatlichen Volkstums, dem Erhalt und der Weiterentwicklung Böhmerwäldler Kultur bis hin zur Heimat- und Familienforschung breitete sich das Arbeitsfeld der Gruppen und Einzelarbeiter. Da der demografische Wandel auch vor unserem Verband nicht Halt macht, ist es für seine Zukunft von existenzieller Wichtigkeit, junge Menschen und Menschen der mittleren Generation zu gewinnen, die bereit sind, mitzuarbeiten und das Kulturgut ihrer Eltern und Großeltern weiterzutragen und so die Identität der Volksgruppe zu erhalten. Die verknappte Neugestaltung des Verbandes, die von einer Gruppe ausgearbeitet wurde, scheint mir der richtige Weg zu sein.

Du bist im Grunde noch ganz knapp ein Angehöriger der Erlebnisgeneration, gleichzeitig markierst du aber auch den Übergang zur Bekenntnisgeneration. In welcher Weise hat dich die Generationenfrage berührt?

Eines ist sicher, die Erfahrungen der Vertreibung haben, egal ob sie thematisiert oder eher verschwiegen wurden, das Leben der Familien und der Kinder, ja, auch der Enkel geprägt.
Ich war zweieinhalb Jahre alt, als wir unsere Heimat verlassen mussten. Eigene Erinnerungen an meine Geburtsstadt Krummau habe ich nicht. Aber meine Identität ist böhmerwäldlerisch, ich bin im Böhmerwald verwurzelt. Die Erzählungen meiner Eltern haben mir vermittelt, dass durch lebendiges Brauchtum, historische Begebenheiten und Traditionen tiefere kulturelle Zusammenhänge entstehen.
Natürlich bedeutete das auch, dass ich den Spagat zwischen zwei Heimaten aushalten musste. Einerseits musste ich mich hier in meine Umgebung, in der ich aufwuchs, einfügen, andererseits aber auch loyal zur „alten“ Heimat sein. Daheim sprachen wir Böhmerwäldlerisch, draußen wurde Schwäbisch gschwätzt. Zuhause erlebte ich durch die Erzählungen den Böhmerwald, draußen das schwäbische Umfeld. Für mich war das normal und spannend.
Die Schubkraft der Tradition, der von den Eltern übernommene geistige Besitzstand und unsere persönliche Familiengeschichte ließen mich mein Erbe annehmen und mich zu meiner Wurzelheimat bekennen. Das intensive Eingebundensein und das Erleben der Geborgenheit in den Vertriebenengruppen führten dazu, dass ich mitarbeiten wollte.

Dein Engagement in Gruppen und Gliederungen der Heimatvertriebenen reicht bis in die Fünfzigerjahre zurück. Was hat dich in deinen Jugendjahren besonders geprägt?

Wie oben erwähnt, waren es vor allem das Gemeinschaftserlebnis in den Gruppen, natürlich ebenfalls die Erzählungen der Eltern und vor allem die Arbeit meines Vaters, die dazu führten, dass ich mich auch mit der Geschichte beschäftigte und mich für die heimatpolitischen Themen interessierte.
Unter deiner Ägide hat der Deutsche Böhmerwald zahlreiche Bücher und Tonträger herausgebracht oder deren Erscheinen unterstützt. Welches Werk liegt dir persönlich besonders am Herzen?

Wichtig waren für mich die Heimatbücher und Heimatbeschreibungen, die mir immer wieder als Nachschlagewerke dienen. Oft blättere ich in dem Buch „Der Böhmerwald erzählt“ und staune über die Vielfalt unserer Böhmerwäldler Autoren. Besonders am Herzen liegt mir wohl das Buch über meine Geburtsstadt, „Krummau an der Moldau“, das mein Vater vorbereitet hatte und nicht mehr zu Ende führen konnte. Friederike und ich haben es unter Mithilfe von Dr. Richard Franz zusammengestellt und herausgegeben. Meine Familiengeschichte ist eng mit dem Buch verwoben. Ein Stück Öffentlichkeitsarbeit leisteten die verschiedenen Tonträger. Dass sie heute über CD abgespielt werden können, sichert die Verbreitung und den Erhalt unseres Musik- und Liedgutes.

Die Heimatzeitschrift „Hoam!“ war dir immer besonders wichtig. Wie siehst du ihre Zukunft?

Die Zeitschrift „Hoam!“ ist seit Oktober 1948 Sprachrohr der vertriebenen Böhmerwäldler und seit der Wiedergründung des DBB-Bundesverbandes dessen Mitteilungsblatt. Über Jahrzehnte ist sie Monat für Monat erschienen, von vielen Lesern sehnlichst erwartet, erfuhren sie doch Neuigkeiten über alte Nachbarn, Freunde, Bekannte und Verwandte und erhielten Einblicke in geschichtliche traditionelle sowie kulturelle Gegebenheiten.
Nun sterben uns die Bezieher, die zum Großteil der Erlebnisgeneration angehören, weg. Das führt natürlich zu einem finanziellen Engpass, und auch das Erscheinen der Heimatzeitschrift im Zweimonattakt wird das Ende ihrer Herausgabe nur verzögern. Eine Prognose für die Zukunft fällt mir schwer, vielleicht gelingt es uns mit verändertem Inhalt, besonders im hinteren Teil, einen neuen, jüngeren Lesekreis zu gewinnen.

Die Mitglieder des Deutschen Böhmerwaldbundes werden in großer Zahl immer älter und zugleich weniger. Wie muss sich der Deutsche Böhmerwaldbund verändern, um dieser Herausforderung zu begegnen?

Wir sind zurzeit dabei, den Verband in jüngere Hände zu geben. Dies haben wir vor gut drei Jahren bei einer Arbeitstagung im Webingerhaus besprochen, und das kommt nun langsam zum Tragen. Ein Ausschuss hat mit den Ausarbeitungen einer Neugestaltung des Verbandes einen Weg in die Zukunft beschritten, von dem ich hoffe, dass er zum Erfolg führt.

Friederike, deine Frau, ist dir in all den Jahren mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Wie möchtest du ihren Beitrag zu deinem Gesamtschaffen selbst einschätzen?

Ohne das Mittun der Familie, besonders meiner Frau, aber auch von unserem Sohn Ulf hätte ich die Arbeit über die Jahre hinweg nicht bewältigen können. Die Gespräche und Diskussionen miteinander waren für mich wegführend, so konnte ich neben dem DBB jahrelang ebenfalls in der Sudetendeutschen Landsmannschaft und im Heimatrat sowie für den Heimatkreis Krummau tätig sein. Auch die Hilfe meines Bruders Günther als Landschaftsbetreuer Böhmerwald und als Redakteur unseres Jahrbuchs war familiäre Hilfe.
Ohne meine Familie und ohne meine Frau Friederike, die aus Nordböhmen, Großpriesen, Kreis Aussig, stammt und die mir besonders über die 30 Jahre hinweg bei den notwendigen mehr als 300 Reden federführend geholfen hat, hätte ich die Aufgaben nicht erfüllen können.
Für deine Leistungen bist du mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem hast du den Kulturellen Ehrenbrief der Patenstadt Passau erhalten. Welche Auszeichnung ist dir die wichtigste?

Folgende Auszeichnungen haben mich sehr bewegt: Die „fünfblättrige Goldene Rose“ des DBB-Bundesverbandes, die Ehrung unsrer Patenstadt Passau mit dem „Kulturellen Ehrenbrief“ und die Auszeichnung durch den Landesverband Bayern des DBB mit der Taschek-Medaille. Auch über das Bundesverdienstkreuz habe ich mich gefreut.

Wie möchtest du deine Zeit verbringen, wenn du künftig nicht mehr jeden Tag für den Deutschen Böhmerwaldbund ackern musst?

Sehr einfach: die Arbeit wird mir nicht ausgehen. Ich werde weiterhin bei unserem „Hoam!“ mitarbeiten und die Dokumentation zum „Jahrbuch der Böhmerwäldler“ gestalten.
Die Exponate des „Hans-Archivs“ und des Archivs vom DBB-Bundesverband müssen für das Böhmerwaldarchiv unseres Museums in Passau aussortiert und geordnet werden, ebenso die der „Krummauer Heimatstube“.
Ich hoffe, dass mir so viel Zeit bleibt, dies alles zu erledigen. Daneben sollten das Wandern in der Natur und das Lesen eines guten Buches ebenfalls nicht zu kurz kommen. Gerne würde ich auch der einen oder anderen Einladung zu Veranstaltungen der Böhmerwäldler folgen, als Gast ohne Aufgaben.

Welche Wünsche gibst du dem Deutschen Böhmerwaldbund und seinen künftigen Verantwortungsträgern mit?

Ich wünsch unseren Landsleuten, die für die Zukunft die Verantwortung übernehmen, einen so guten und friedvollen, aber auch freudigen Arbeitsverlauf, wie ich ihn mit einigen Ausnahmen erleben durfte. Ein gutes Miteinander ist allen Amtsträgern zu wünschen. Es macht ja Freude, Diskussionen, die auch unterschiedliche Standpunkte aufzeigen, zu einer weiter tragenden Arbeit zu führen. Ich übergebe mein Amt mit einem guten Gefühl, was die Zukunft des Deutschen Böhmerwaldbundes betrifft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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