Der Deutsche Böhmerwaldbund

Als am 17. April 1884 in der damals mehrheitlich deutschen Stadt Budweis der Deutsche Böhmerwaldbund gegründete wurde, geschah dies auf einem bedrängenden historischen Hintergrund. Nur wenige Jahre nach dem großen Slawenkongreß 1848 in Prag waren Rufe in Böhmen hörbar, die von tschechischer Seite formuliert, aufgegriffen und verbreitet, die Feindhaltung gegenüber dem Deutschtum Böhmens kennzeichneten: ,Cechy cechum" und ,Nemci ven" lauteten diese Rufe, und sie hießen auf Deutsch ,Böhmen den Tschechen" und ,Deutsche hinaus". Es waren dies keine theoretischen Forderungen: überall in Böhmen wurden die Tschechisierungsbestrebungen spürbar und wurden Erfolge der Tschechen sichtbar, umsomehr, als bei den Deutschen im Nachklang romantischer Thesen von alten und jungen Völkern - zu den letzteren sollten die Tschechen gehören - eine gewisse Tschechophilie verbreitet war, in die auch noch Nachklänge des Bohemismus, wir alle sind Böhmen" - hereinwirkten.

Die panslawistische Propaganda aber begründete die geistige Grundlage und allgemeine Einstellung vor allem tschechischer Intellektueller und Halbgebildeter, die, als die Gelegenheit nach dem Zweiten Weltkrieg günstig schien, die grausame Vertreibung der Deutschen zur Folge hatte.

In den Jahren 1882 und 1883 bereiste der Schriftleiter der ,Deutschen Zeitung", Wien, Franz Höllriegel, vor allem Böhmen und wurde dabei auf die tschechischen Rufe aufmerksam Er beobachtete das systematische Vordringen der Tschechen - dies auch und besonders im Böhmerwald. Er erkannte die Strategie tschechischer Stoßlinien, die unter anderem Krummau, Prachatitz und Winterberg von ihrem deutschen Hinterland abschnüren sollten und wurde sich darüber klar, daß Maßnahmen zum Schutze des Deutschtums erforderlich waren.

Josef Taschek
1. Bundesvorsitzender von 1884-1938

Als am 28. Oktober 1883 in Budweis ein Kaiser-Josef-Denkmal eingeweiht wurde, traf Höllriegel mit Dr. Stingl aus Krems, dem Festredner des Tages, mit dem Bürgermeister von Budweis Dr. Claudi und dem Budweiser Kaufmann Josef Taschek zusammen. Höllriegel machte auf seine Beobachtungen aufmerksam; die vier Männer beschlossen die Gründung eines Schutzverbandes für den deutschen Böhmerwald. Dies geschah am 17. April 1884 in Budweis. Der erste Vorsitzende, Dr. Claudi, stellte sein Amt nach Einrichtung der wichtigsten Grundlagen zur Verfügung, der Kaufmann Josef Taschek wurde Bundesvorsitzender. Damit war für den Deutschen Böhmerwaldbund ein Mann gewonnen, der neben seinem kaufmännischen Genie und Weitblick auch die besten Voraussetzungen für den Umgang mit Menschen und ein gewisses Maß diplomatischen Geschickes besaß und damit die vielschichtigen Aufgaben, die sich stellten, anzugehen vermochte. Und es war tatsächlich viel zu tun; dabei wirkte sich das rasche Wachstum des Verbandes günstig aus: Im Jahre 1890 bestanden schon 203 Ortsgruppen, 1914 zählte man 440 Ortsverbände und 42 000 Mitglieder, die in zahlreichen Städten Nord und Nordwestböhmens, aber auch in vielen Städten der Donaumonarchie und des Deutschen Reiches und selbstverständlich im Böhmerwald selbst wirkten.



Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Hilfen waren erforderlich. Zunächst ging es um die Förderung der Landwirtschaft: Anbau und Viehzucht mußten modernisiert werden; die Waldwirtschaft bedurfte im bäuerlichen Bereich neuer Anregungen. Maschinen, Saatgut, Obstbaumsetzlinge, hunderttausende Fichten-, Tannen- und Kiefernsetzlinge wurden ausgegeben. Baumschulen wurden angelegt, Kurse für Landwirte, Vieh- und Obstzüchter wurden veranstaltet, landwirtschaftliche Schulen eingerichtet. Daneben war das Handwerk und die Kleinindustrie zu unterstützen. Wie auf dem Gebiete der Landwirtschaft wurden auch da Genossenschaften ins Leben gerufen; die zahlreichen Heimarbeiter wurden zusammengeschlossen, es kam zu allgemeinen Verbesserungen des Einkommens. Kein wirtschaftliches Gebiet blieb außer Acht. So wurde die deutsche Heimat auf wirtschaftlichem Gebiet gesichert.

Aber damit war nicht genug getan: Das geistig-kulturelle Feld mußte ins Auge gefaßt werden: Ortsbüchereien wurden gegründet und unterstützt. Schriftsteller gefördert, Gesang - Gesellschaftsvereine und Turnvereine wurden gegründet, um das Gemeinschaftsleben zu fördern. Feuerwehren erfuhren nachhaltige Unterstützung. Die auf Prof. Ammann und seine volkskundlichen Studien zurückgehenden Höritzer Passionsspiele wurden durch die Errichtung des Passionsspielhauses gefördert. Sie gewannen Weltruf. Der Deutsche Böhmerwaldbund sorgte auch für handwerklichen Nachwuchs, weil damals Lehrlinge in die ganze Weite der Monarchie wandern konnten und daher im Böhmerwald Mangelware waren.

Die Gründung des tschechoslowakischen Staates, den die Tschechen als Nationalstaat betrachteten und die Hineinzwingung der deutsch-böhmischen Gebiete in diesen Staat, bildete für den Deutschen Böhmerwaldbund einen tiefgehenden Einschnitt und neue, schwierigere Aufgabenstellungen. Die Verbindung mit den Böhmerwaldgruppen außerhalb der Republik wurde verboten. Der Staat förderte nicht, er erschwerte und hemmte die Arbeit des Bundes.

Für die führenden Kreise dieses als ,Eigentum der Tschechen" betrachteten Staates waren Zielrichtungen gegeben, wie sie - es könnten zahlreiche andere Beispiele angeführt werden - in einem Interview Thomas Masaryks, des späteren Präsidenten der Republik, mit der Pariser Zeitung ,Matin" am 10. Jänner 1919 zum Ausdruck kamen: ,Die Deutschen sind nur Kolonisten . . . Die Entgermanisierung wird rasch vor sich gehen." In der Tat zeigte sich nach der Festschrift zum zehnjährigen Bestehen der Republik im Jahre 1928, daß bis dahin dieses Ziel hätte erreicht werden sollen. Dr. Eduard Benesch stellte in diesem Dokument fest, daß die Entgermanisierung bisher nicht gelungen sei und andere Mittel angewandt werden müßten. Dabei hatte der Staat durch die Bodenreform, die Schließung deutscher Schulen, die Errichtung tschechischer Schulen im deutschen Gebiet, die Sprachgesetze, die Besetzung der Beamtenstellen und selbst der Straßenräumerposten im deutschen Gebiet dem Deutschtum ungemein schmerzliche Verluste zugefügt, die auch nicht beseitigt oder gebessert wurden, als sich deutsche Parteien bereit erklärten, in die Prager Regierung einzutreten.

Dennoch: Der Deutsche Böhmerwaldbund verfolgte auch unter diesen schwierigen Umständen, immer durch die Vertreter des Staates mißtrauisch beobachtet, seine Aufgaben, die Bevölkerung stand zu ihm, dem Vordringen der Tschechen in die deutschen Böhmerwaldgebiete konnte nachhaltig gewehrt werden. Es war eine nahezu unfaßbare Leistung, die der Deutsche Böhmerwaldbund, natürlich im Zusammenwirken mit anderen Verbänden und der hellhörigen Bevölkerung, auch unter persönlichen Gefahren der in ihm wirkenden Frauen und Männer, im Ringen gegen die Tschechisierungsmaßnahmen des Staates und die durch ihn nachhaltig unterstützte ,Posumavska Jednota", dem Verein zur Tschechisierung des Böhmerwaldes, geleistet hat. Dies wurde umso deutlicher sichtbar, wenn beachtet wird, daß Ende der Zwanzigerjahre und in den Dreißigerjahren auch im Böhmerwald die Arbeitslosigkeit verheerend um sich griff und damit die sozialen und nationalen Probleme brennend wurden. Hier konnte nur entschlossener Gemeinschaftsgeist vom Bunde und von den Betroffenen her Hilfe bringen.

Im Jahre 1938, nach dem Anschluß des Böhmerwaldes an das Deutsche Reich wurde der Deutsche Böhmerwaldbund als überflüssig aufgelöst. Josef Taschek aber, bis zum Schluß sein Vorsitzender, schaute auf ein Werk zurück, das seinesgleichen sucht.

Der Ausgang des Zweiten Weltkrieges veränderte alles. Die Niederlage der Deutschen und das völlige Unverständnis auch der westlichen Mächte für die Probleme Mitteleuropas ergab die Gelegenheit, jenen Ruf ,Nemci ven" zu verwirklichen. Die Vertreibung der Deutschen brachte jene Elendszüge in das zerstörte Deutschland in Gang, die nach Meinung der östlichen Vertreiber zu einem Chaos in Deutschland führen sollten. Es kam jedoch anders. Das tief verwurzelte Gespür für Staatlichkeit, das in den Vertriebenen lebendig blieb und in den Einheimischen die Furcht vor den Vertriebenen überwand, brachte einen Aufhau, den man nicht für möglich gehalten hätte. Die Böhmerwäldler aber suchten einander und wuchsen in Ortsgemeinschaften und schließlich in Landesverbänden und einem Bundesverband zusammen.

Der Deutsche Böhmerwaldbund erneuerte sich;
seine Ziele waren im Grunde die gleichen wie ehedem:

Die Heimat war das Recht der Böhmerwäldler, und Heimatrecht und Selbstbestimmung für alle Völker und Volksgruppen wurden zur klaren Zielsetzung auch der Böhmerwäldler, die ja am eigenen Leibe verspürt und erfahren hatten, was Entrechtung bedeutete und welche Folgen der Heimatverlust nach sich zog. Sie standen und stehen zur Charta der Heimatvertriebenen, in der auf Rache und Vergeltung verzichtet wird, das Streben nach Frieden in Freiheit unterstrichen und die Einigung Europas unter dem Zeichen der Freiheit der Völker und Volksgruppen als Ziel festgelegt ist. Damit sind auch die Böhmerwäldler Träger zukunftsweisender Gedankengänge und Wirksamkeiten; jeder Verdächtigung, sie seien Revanchisten und Ewiggestrige, steht das Bekenntnis gegenüber, daß sie für die Freiheit aller Völker und Volksgruppen einstehen - auch für die Freiheit der Tschechen.

Am 30. März 1958 wurde in Ulm der Heimatverband der Böhmerwäldler gegründet. Der Deutsche Böhmerwaldbund, Landesverband Bayern e.V., wurde am 13. April 1954 ins Leben gerufen, der Landesverband Baden-Württemberg geht auf die Gründung der ,Arbeitsgemeinschaft heimattreuer Böhmerwäldler" am 20. Jänner 1952 im Hotel "Kronenhof" zu Esslingen zurück.

Ministerialdirigent Adolf Hasenöhrl
Bundesvorsitzender 1958-1988

Neben dem politischen Gewicht, das der neue Deutsche Böhmerwaldbund entwickelte, steht die kaum überschaubare humanitäre, soziale und kulturelle Leistung des Verbandes, an dessen Spitze seit der Gründung bis 1988 Adolf Hasenöhrl, Ministerialdirigent i. R. stand. Es muß darauf verzichtet werden, alle die Persönlichkeiten anzuführen, die in der Arbeit des Bundes namhaft geworden sind; hinter ihnen stehen die ungezählten Frauen und Männer, Mädchen und Jungen, die die Arbeit tragen und formen. Die ständige Pflege heimatlichen Volkstums, von Lied und Musik bis hin zum Tanz und Eierkratzen und Trachtenfibel, vom Laienspiel bis hin zur Heimatforschung breitet sich das Arbeitsfeld der Gruppen und der Einzelarbeiter. Die Zeitschrift "Hoam!" ist seit Oktober 1948 Sprachrohr der Böhmerwäldler und seit der Gründung des Deutschen Böhmerwaldbundes dessen Mitteilungsblatt. Unter dem Schutz dieser Zeitschrift und des Verbandes sind die zahlreichen Jugendgruppen der Böhmerwaldjugend entstanden, die heute noch lebhaft arbeiten. Neben ihnen stehen die Kindergruppen der Ortsverbände. Aus den Jugendgruppen sind Sing- und Spielscharen hervorgegangen, die Böhmerwäldler Kulturgut pflegen und in hoher Qualität vortragen. Die Frauenvereinigung des Bundes stellt eine weitere Kraft kultureller Pflege dar. Wer die großen Treffen der Böhmerwäldler in ihrer Patenstadt Passau oder die Gemeindetreffen in verschiedenen Patenstädten beobachtet, findet ein lebhaftes Völklein, dessen Bestand auf unabsehbare Zeit gesichert ist. Hervorragende Leistungen des Deutschen Böhmerwaldbundes sind das ,Haus der Böhmerwäldler - Adolf-Webinger-Haus" in Lackenhäuser, das vor allem aus den Mitteln der Zeitschrift ,Hoam!" betreut wird und von dem Verein der heimattreuen Böhmerwäldler, Waldkirchen, getragen ist, das ,Mahnmal der Böhmerwäldler" in Lackenhäuser, dessen Wahlspruch die Grundhaltung der Böhmerwäldler kennzeichnet: ,. . . und immer rettet die Güte". Dieses Mahnmal, Schöpfung der Bildhauerin Prof. Berta Klement, Wien, stellt Schicksal und Wollen der Böhmerwäldler in Stifterscher Würde dar.

Das Böhmerwaldmuseum auf dem Oberhaus der Patenstadt der Böhmerwäldler, Passau, wird von dem "Verein Böhmerwaldmuseum" getragen, der sich als Gruppenmitglied zum Deutschen Böhmerwaldbund zählt. Die Patenstadt Passau der Böhmerwäldler hat durch die Stiftung des Kulturpreises für Böhmerwäldler deren Streben gekrönt, ihre von den Vorfahren überkommene deutsche Teilkultur zu bewahren und weiterzuentwickeln. Die alte Kulturtradition, die Passau mit dem Böhmerwald verbindet, findet so ihren Ausdruck.

Die Böhmerwäldler haben als Zeichen ihrer Heimattreue dem Schöpfer des Liedes ,Tief drinn im Böhmerwald", Andreas Hartauer, an dem Salzsteig oberhalb Mauth einen Denkstein gesetzt: Heimatliebe und Zukunftsvertrauen dokumentieren sich in beiden Denkmälern: dem am Fuße des Dreisessels bei Lackenhäuser und jenem über dem Markte Mauth. Prof. Erich Hans, überarbeitet F. Hans

Ingo Hans
Bundesvorsitzender 1988-

Wie oben angeführt sind die politischen Ziele heute wie nach der ersten Gründung die gleichen, dazu kommen die kulturellen Aufgaben wie in § 2 der Satzung des Deutschen Böhmerwaldbundes e.V. geschrieben steht: ,Zweck des Verbandes ist die Zusammenfassung aller Böhmerwäldler. Er pflegt das kulturelle Erbe der Böhmerwäldler wie Lied, Musik, Schrifttum, Brauchtum, Sitten und Sagen, Volkstänze und Trachten und ist bestrebt, es weiter zu entwickeln."

Doch in die Zukunft hinein wird es immer schwieriger die Böhmerwäldler als kleine, eigenständige deutsche Volksgruppe ohne eigenen Heimatraum zu erhalten.

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