Die Slawische Besiedlung

 

Über die Besetzung des Landes durch die Slawen gibt es keine historisch gesicherten Erkenntnisse. Ende des 6.Jhs. sind sie einfach da. Sie wurden von den Awaren unterworfen. Um 630 gelang es den böhmischen und mährischen Slawen, die Awarenherrschaft wenigstens für ein Menschenalter abzuschütteln. 658 zerfiel das Reich wieder und die Awaren traten erneut als Eroberer, Plünderer und Tyrannen auf, bis Karl der Große sie vernichtete.

805 führte Karl der Große einen Feldzug gegen die Slawen in Böhmen. In der Urkunde von 817, in der die Provinzen und Völker des fränkischen Reiches aufgezählt werden, erscheinen die Beheimi als eines der abhängigen Völker. 845 ließen sich nach zuverlässigen Berichten 14 Herzöge aus Böhmen in Regensburg taufen. In der Folge wir immer wieder von schweren Kämpfen, aber auch von Verträgen, Handels- und Kulturbeziehungen berichtet.

Die slawische Besiedlung als eine Streusiedlung reichte mit ihren äußersten Ausläufern bis ins Quellgebiet der Werra, bis in das heutige Mittelfranken, zur Wörnitz, Pegnitz und Regnitz, im Süden bis an den Oberlauf der Enns und ins Pustertal.

Eine deutsche Gegenkolonisation war in den Jahrhunderten vor Karl d.Großen nur vom bayerischen Stamm und vom Herzogtum Bayern her im Gang. Der bayerische Bauer schob sich langsam nach Osten vor.

So wurde Böhmen vom Süden her bald wieder von germanisch-deutschem Volkstum umfaßt. Aus der Diözese Regensburg kamen die ersten Missionare. Nach Regensburg wandten sich die mit dem christlichen Westen sympathisierenden slawischen Fürsten.

Bis zum Jahr 1000 haben wir die dichtesten slawischen Ansiedlungen an dem Unterlauf der Eger, an der Biela, in dem Becken, das sich vom heutigen Komotau bis Aussig erstreckt, am Zusammenfluß von Moldau und Elbe, am Unterlauf der Moldau und Berau. Ebenso in Mähren entlang der March und in der näheren und weiteren Umgebung des heutigen Brünn.

Die slawische Völkerwelt reichte damals in einer geschlossenen Front von der Ostsee bis zur Adria. Mit dem Schwerpunkt in Mähren entstand im 9.Jahrhundert jenes Slawenreich, das wir das Großmährische nennen, das um das Jahr 900 von den Magyaren, einem ugrofinnischem Reitervolk, zerstört wurde. Die Südslawen bleiben von nun an von ihren westslawischen Stammesverwandten getrennt.

Bei ihren wiederholten Raubzügen nach Westen verwandelten die Magyaren das Herzogtum Bayern in ein Trümmerfeld, was wiederum Folgen für die Geschichte Böhmens hatte. Die blühenden niederbayerischen Klöster, die ersten Ansätze einer städtischen Wirtschaft wurden vernichtet. Mit dem wirtschaftlichen Wohlstand wurde auch die politische Macht Bayerns gebrochen. So verlagert sich der Schwerpunkt des werdenden Reiches nach Norden. In der Wahl des Sachsenherzogs Heinrich zum deutschen König (918) kommt dies zum Ausdruck.

Das Großmährische Reich hatte religiös zur morgenländischen Kirche geneigt. Die Christianisierung war bei den mährischen Slawen viel weiter fortgeschritten als bei den böhmischen Slawen. Nach dem Magyarensturm hörten die Mährer auf eine Bedrohung für die Selbständigkeit der böhmischen Slawen zu sein. Gegen die christliche Mission erhob mächtig die heidnische-nationale Opposition wieder ihr Haupt. Im Zeichen dieser Auseinandersetzung spielte sich die Tragödie des jungen Fürsten Wenzel ab.

König Heinrich sah eine seiner vornehmsten Aufgaben darin, die Ostgrenze des Reiches gegen die magyarische Gefahr zu bannen. Dazu mußte er sich mit dem Problem Böhmen auseinandersetzen. Der christliche junge Fürst Wenzel neigte zum Westen, während sein Bruder Boleslav, Führer der heidnischen Opposition war. Im Jahre 929 erschlug Boleslav seinen Bruder Wenzel am Tor der Kirche zu Altbenzlau. Aber wenige Jahre später mußte sich Boleslav den Deutschen unterwerfen.

Als im Jahre 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg die große Entscheidungsschlacht des Abendlandes gegen die Magyaren geschlagen wurde, fochten die Böhmen als eine "Legion" des Reichsheeres, unter dem Befehl des deutschen Königs.

Für das tschechische Volk wird Wenzel zum Märtyrer und Glaubenszeuge für Christus und die römische Kirche.Der böhmische Staatsbegriff erscheint nun bald und für immer an die Gestalt und den Namen Wenzels (Vaclaw) gebunden. Obwohl Wenzel selbst nicht König war, nennt die tschechische Überlieferung die erst später erworbene Königskrone ganz allgemein die St.Wenzelskrone, Böhmen und seine Nebenländer die "Länder der Wenzelskrone". Gerade durch den Heiligen und Landespatron, der nicht zuletzt als Opfer seiner Versöhnungspolitik gegenüber dem deutschen Königtum sterben mußte, wurden aber auch die beiden Völker des Landes enger miteinader verbunden.

Durch viele Jahrhunderte wird Wenzel auch für die Deutschen Böhmens der Patron, und sein Name erbt sich in den deutschen Bauerngeschlechtern bis ins 20.Jh. fort. Erst im Zeichen des überhitzten Nationalismus, der gegen Ende des 19.Jh. weite Kreis beider Landesvölker erfaßt, wird der Name des Heiligen zum Sinnbild des tschechischen Herrschaftsstrebens auf der einen Seite, zum hämischen Spottnamen ("böhmischer Wenzel") auf der anderen.

 

Böhmen im Reich:

Das deutsche Reich, dem sich Böhmen um die Mitte des 10.Jhs. für ein rundes Jahrhundert anschloß, war staatsrechtlich aus dem Ostfränkischen Reich hervorgegangen, einem der Teilreiche, in die das Reich Karls des Großen zerfallen war. Das Wort "Deutsch" verbreitete sich im 9 Jh.. Baiern, Schwaben, Franken, Sachsen waren die Kernstämme des deutschen Königreichs. In diesen Verband trat das Herzogtum Böhmen ein.

Für die Stellung Böhmens im Reich und seine Herzöge zu den deutschen Königen war es von ausschlaggebender Bedeutung, daß Otto der Große, dem sich Boleslav der Grausame aus dem Haus der Primisliden 948 unterworfen und an dessen Seite er 955 vor Augsburg gekämpft hatte, im Jahre 962 zum Römischen Kaiser gekrönt wurde und die abendländische Kaiserwürde an die deutsche Kaiserkrone band.

Die Deutschen wurden so zu Verwaltern des höchsten weltlichen Amtes der Christenheit. Das Kaisertum war keine territorial umgrenzte Herrschaft. In der Theorie bezog sich die Oberhoheit des Kaisers als eines Friedensstifters und höchsten Richters auf die gesamte Christenheit.

In das römische-deutsche Reich wächst seit 950 das von slawischen Herzögen beherrschte Böhmen, bald auch das von Böhmen aus gewonnene Mähren hinein. Gerade die Verbindung der deutschen Könige mit der römischen Kaiserkrone ermöglichte die Verschmelzung national verschiedener Bestandteile des Reiches zu einer höheren Gemeinschaft.

Böhmen wurde ein Bollwerk im Ostwall des Reiches. Darüber hinaus war die kirchliche Bindung der böhmischen Länder an die Organisation der römischdeutschen Reichskirche von ausschlaggebender Bedeutung für die sich anbahnende enge Schicksalsgemeinschaft zwischen Deutschen und böhmisch-mährischen Slawen.

Wenige Wochen vor seinem Tode errichtet Kaiser Otto der Große im Jahre 975 das Bistum Prag. Bis dahin gehörte Böhmen zum Bistum Regensburg. Noch lange Zeit war das Prager Bistum auf den Zuzug deutscher Geistlicher angewiesen. Aber auch tschechische Mönche und Kleriker lebten in deutschen Klöstern und Stiften.So lebte Boleslavs Sohn Strachkwass, der zur Zeit der Bluttat an Wenzel geboren wurde und den der Mörder zur Sühne seines Verbrechens dem geistlichen Stande weihte, in Regensburg. Die Kirche war also der erste Mittler deutscher- man darf sagen: abendländischer, lateinisch-deutscher-Kultur in Böhmen.

Ein Deutscher, der durch Tat und Beispiel Bedeutendes für die friedliche Zusammenarbeit der Völker und die bündische Verflechtung Böhmens mit dem Reich gewirkt hat, war der Eremit Gunther. Er stammte aus dem thüringischen Hause der Schwarzburger, einem fürstlichen Geschlecht, schlug sich in seiner stürmischen Jugend in wilden Kämpfen an der Slawengrenze herum, wurde aber dann von den Reformideen der Zeit erfaßt und trat bei den Benediktinern in Niederalteich ein. Das Leben im Kloster selber war ihm zu gefahrlos. Er drang tiefer in den Wald vor und lebte als Einsiedler. Immer wieder aber holten ihn die Herrschenden und erbaten seinen Rat. Zeitweise wirkte er am Hofe Stephans des Heiligen in Ungarn, dann wieder beriet er die deutschen Könige oder den Herzog von Böhmen. Er muß hohe diplomatische Fähigkeiten mit tiefer Religiosität verbunden haben.

Der böhmische Herzog zollte dem deutschen Einsiedler tiefe Verehrung und versuchte ihn wiederholt an seinen Hof zu holen. Er aber blieb in seiner Einsiedelei bei Hartmanitz.

Die Einverleibung Mährens ließ es bald als nötig erscheinen, für dieses Land ein eigenes Bistum zu errichten. Das Bistum Olmütz wurde gegründet. Wie Prag wurde es der Mainzer Erzdiözese angeschlossen. Rund ein halbes Jahrhundert vorher war von Heinrich II. das Bistum Bamberg gegründet worden, das die besondere Aufgabe erhielt, die Christianisierung der Slawengebiete zu fördern und daher kirchen- und geistesgeschichtlich, aber auch politisch für die Geschichte des deutschen Ostens große Bedeutung erlangte.

In der Folgezeit unterstützten die Herzöge von Böhmen die Politik des deutschen Kaisers. 1086 erhielt zum erstenmal ein böhmischer Herzog vom Kaiser den Königstitel, der allerdings noch nicht erblich war, jedoch den Herzog von Böhmen hoch über die anderen Reichsfürsten erhob.

Mitte des 12. Jahrhunderts unterstützen Heere der Primisliden-Herzöge Friedrich Barbarossa auf seinem Feldzug gegen Mailand. Zeitgenössische Chronisten berichten vom barbarischen Ungestüm dieser Heerscharen. Auch die Bürger der deutschen Städte hatten Angst vor den rauhen Scharen aus Böhmen. Noch stand an ritterliche Lebensart Böhmen hinter dem Reich zurück.

Nicht zuletzt das Bemühen der Fürsten und der adeligen Herren aus Böhmen, ihrem Lande die gleiche Kulturstufe - und damit ihren Gütern den gleichen Ertrag - zu geben, wie die deutschen Nachbargebiete sie aufwiesen, führte zu den ersten größeren Kolonisationsbestrebungen.

So wurden im 12.Jh. deutsche Mönche in großer Zahl ins Land gerufen. Zisterzienser und Prämonstratenser wurden die eigentlichen deutschen Kolonisatoren, weil sie sich bis ins Einzelne mit den Fragen der Bewirtschaftung großer Güter beschäftigten und vorbildlich in ihrer Kultivierungsarbeit waren.

Die Prämonstratenser wurden für die Erschließung der großen Waldgebiete des weiteren Egerlandes bahnbrechend. Der wachsende Einfluß der Deutschen in Böhmen, der auf die enge politische Zusammenarbeit der Herzöge mit dem deutschen Königtum, auf den zunehmenden Handel und auf die Klostergründungen zurückging, löste bereits im 12.Jh. eine nationalistische Bewegung aus. Der erste bedeutende Chronikenschreiber der Tschechen, Cosmas, war auch bereits der erste Künder eines Fremdenhasses, der sich auf die Deutschen konzentrierte. Er beklagte das Schicksal seines angeblich benachteiligten Volkes.

Durch Heirat war der böhmische König ein enger Verwandter der Staufer geworden, und so war es vor allem die Germanisierung des Hofes, die bei den tschechischen Großen Anstoß erregte. Zumal Kaiser Barbarossa eine Zeitlang die Teilfürsten und gewisse partikularistische Tendenzen in Böhmen förderte. Doch kehrten die Premysliden bald zur kaiserlichen Partei zurück und Premysl Ottokar sicherte sich die von seinem Hause lange ersehnte erbliche Königswürde.

Aus dem Herzogtum Böhmen war endgültig ein Königreich geworden. Als um die Mitte des 13.Jh. das staufische Haus unterging und seine Besitzungen zerfielen, war im Westen des Reiches kein einziges großes Fürstentum mehr übrig. Dagegen hatten sich im Osten neben den bedeutenden Marken von Brandenburg und Meißen zwei Territorialstaaten mit großer Macht und Ausdehnung gebildet, Böhmen mit Mähren und im Süden Österreich mit Steiermark.

 

Die Sudetenländer vor der Kolonisation:

Weithin bedeckten Wälder die Grenzstriche des Landes und breite Streifen von Ödland zogen sich zwischen den einzelnen kultivierten Gauen hin und grenzten diese gegenseitig ab. Nur wenige Wege durchfurteten die Wälder, die außerhalb der Steige, Wege und wenigen Straßen fast undurchdringlich waren.

Das schließt nicht aus, daß diese Wege viel benützt wurden und nach damaligen Verhältnissen auch gut imstande waren. Vom Handel, der Waren in das Land bringt und aus dem Lande ausführt, ist frühzeitig die Rede.

Als Haupteinfahrgut wird bis an die Schwelle des zweiten Jahrtausend Salz genannt, das vor allem für das Vieh nötig war und Metallwaren. Als Ausfuhrgüter werden Pferde und Menschen genannt. Der Sklavenhandel blühte jahrhundertelang. Ein Handelsartikel, der verhältnismäßig oft erwähnt wird, sind Felle, vor allem Biberfelle. Die großen Teich- und Sumpflandschaften Böhmens, in der Vorzeit wahrscheinlich um ein Vielfaches größer als in kultivierter Zeit, müssen einen gewaltigen Reichtum an solchen Pelztieren geborgen haben. Die Biber- und die Otternfellmütze gehörte zu vielen sudetenländischen Trachten und ist bis ins 19.Jh. eine bevorzugte Kopfbedeckung der böhmischen Bauern geblieben. Im frühen Mittelalter war Böhmen Lieferant von Pelzwaren und Passau und Regensburg Umschlagplätze dafür.

Die Menschen jener Zeit wohnten in einfachen Hütten und lebten vom Ackerbau, Viezucht, der Jagd und vom Fischreichtum der Gewässer.

Die "Burgen" waren bis ins 12.Jh. Palisadenbauten. Erst unter deutschem Einfluß begann man zum Steinbau überzugehen.

Bis zum 13.Jh. hinkte die Kulturentwicklung in den Sudetenländern der west- und südeuropäischen beträchtlich nach.

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